Mitte der 1960er Jahre wurden viele markante Kirchen aus Beton errichtet. Für manch einen mag ein Widerspruch bei dem Gedanken an heilige Gemäuer in Kombination mit Beton aufkommen. Doch Kirchen aus Beton haben ihren eigenen Charme und in ihrer Konstruktion steckt meistens eine symbolische Bedeutung. Einige Architekten wollten mit dem Brutalismus in Sakralbauten einen stilistischen Umbruch der Kirche darstellen. Typisch für den modernen Baustil ist die Funktionalität des Gebäudes. Dabei steckt in der Konstruktion ein tieferer Sinn. Auf üppige Verzierungen und Stuckarbeiten wird hingegen bewusst verzichtet.  

Brutalismus - ein "harter" Baustil?
Was steckt hinter dem Architekturstil "Brutalismus"? Auch wenn man aufgrund des Wortes "brutal" auf den Stil der Gebäude schließen möchte, bedeuten die französischen Wörter béton brut zu deutsch Sichtbeton. Der Begriff wurde von dem Architekten Le Corbusier geprägt. Ein besonderes Merkmal bei diesem Material ist das Verfahren nach der Schalung des Sichtbetons. Hier wird bewusst darauf verzichtet, Überreste aus der Schalung von dem Sichtbeton zu entfernen, zu verputzen oder zu streichen. So wird die "nackte" Wahrheit, die nicht immer schön ist, aber nichts versteckt, zum Motto für Betonkirchen - somit werden diese zu Sinnbildern für die Epoche des Brutalismus. 

Heilige Schwergewichte
In der Nachkriegszeit gewann der Brutalismus an großer Bedeutung. Es schien, als bräuchte die Gesellschaft nach den Kriegsjahren radikale Ehrlichkeit. Beim Wiederaufbau von Städten und auch Kirchen sollte dieser wichtige Wert in den verwendeten Materialien zum Ausdruck gebracht werden. Gerade weil Sichtbeton so kühl erscheint und für viele nicht als schön im konventionellen Sinn gilt, zeigt der Baustoff Charakter. 

Berühmte Kirchen aus Beton
Der deutsche Architekt und Bildhauer Gottfried Böhm schuf mit dem Wallfahrtsdom Maria im nordrhein-westfälischen Velbert-Neviges eine seiner bedeutendsten Kirchen. Dabei wurden stolze 7500 Kubikmeter Sichtbeton verbaut. Besonders auffällig ist die Dachkonstruktion, da die Deckenplatten keiner Symmetrie folgen und wie bei einem Gebirge Tal und Bergland entstehen. Aus diesem Grund hat die Wallfahrtskirche Maria bei einigen Kirchenanhängern den Namen "Betonfelsen" bekommen. Die auffällige Sichtbetonkonstruktion sorgt dafür, dass die Kirche nicht zu übersehen ist. Das rührt außerdem von dem interessanten Fokus auf ein Lichtspiel: So ist der Eingangsbereich der Kirche am dunkelsten und auf dem Weg zum Altar wird es immer lichtdurchfluteter. Dies ist der hellste Ort in der Kirche. Hier ist genug Raum zur Interpretation und persönlicher Inspiration. Dank der speziellen Bauweise werden die Kirchenbesucher symbolisch vom Dunkel zum Licht geführt. 

Ein weiteres faszinierendes Bauwerk des Brutalismus ist von dem französischen Architekten Le Corbusier erbaut worden. Die Chapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp gehört seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Was ist so besonders an dieser Kirche? Ihre auffällige Konstruktion der Raumgestaltung: So hat die Kirche einen Innenraum für nur 200 Menschen. Dafür ist ein ausgeprägter Außenbereich, der einen Altar, eine Kanzel und eine Sänger-Empore umfasst, für 1200 Pilgerer ausgerichtet. Damit die Besucher der Kirche vor Wind und Wetter geschützt sind, sorgt ein Dach aus zwei Betonplatten, welches einer Krebsschale ähnelt, für Schutz. Auch hier ist eine asymmetrische Bauweise zu erkennen und bewusst mit abgerundeten Wänden gearbeitet worden. In dem Betonskelett befinden sich die Überreste der im Krieg zerstörten Marien-Wallfahrtskirche, wodurch symbolisch die Vergangenheit in die Gegenwart eingearbeitet worden ist. Trotz des schweren und massiv wirkenden Materials hat es Le Corbusier geschafft, die Kirche sehr leicht wirken zu lassen. Zudem sind farbige Gläser in die Außenfassade eingearbeitet worden, die ein schönes Lichtspiel im Inneren der Kirche erzeugen.

Ein weiteres Beispiel für eine Kirche aus diesem schwerem Material ist die Luther-Kirche in Hanau. Der Architekt Werner Neumann achtete bei der Planung der Kirche auf eine klare Linienführung der einzelnen Räume. Sinnbildlich sollten sich die Besucher der Kirche auf das Wesentliche konzentrieren können. Eine weitere Assoziation soll mit der hohen Decke (8 Meter) verknüpft sein. So wollte der Architekt einen Raum schaffen, der zu weitem Denken anregt. Auffällig ist außerdem das schlichte Aussehen der Kirche, die aus einem viereckigen Betonkasten und einem Turm besteht. Das Besondere dabei ist die Ausrichtung der vier Ecken des Gebäudes, die nämlich in die Himmelsrichtungen zeigen. 

Hoher Sanierungsbedarf
Gebäude aus Beton wirken massiv und werden oftmals mit Bunkern oder Nachkriegsbauten assoziiert. In den 1960er Jahren wurden mit diesem Baustoff einige bekannte Kirchen erbaut, die heutzutage teilweise unter Denkmalschutz stehen. Eine echte Fangemeinde der Betonbauwerke schloss sich auf sozialen Netzwerken zusammen. Unter dem Hashtag #SOSBRUTALISM posten die Anhänger fleißig Bilder ihrer Lieblingsbauten, die sie mit der ganzen Welt teilen. Da sich aktuell wieder mehr Menschen am minimalistischen Baustil erfreuen, gewinnt auch der Brutalismus wieder mehr Zuspruch. Trotzdem spalten sich die Meinungen über die Betonkirchen und vielen droht in naher Zukunft der Abriss, weil die Kirchen mittlerweile sanierungsbedürftig sind. Das Problem des verwendeten Betons ist die Haltbarkeit, wodurch eine Instandsetzung zum Erhalt der heiligen Betonwerke notwendig ist.