Der Frühling zieht so langsam ein und die Sonne lockt alle nach draußen. In dieser Jahreszeit lohnen sich vor allem Städtetrips. Überall gibt es nette Cafés und die Temperaturen sind noch nicht zu heiß, um ein paar Stunden lang durch die Stadt zu schlendern. Dabei können nicht nur Besucher, sondern auch Einheimische viel entdecken. Manche Leute denken bei Großstädten und Städtetrips allerdings an grauen, langweiligen Beton ohne Leben. Doch das ist falsch gedacht! Denn Beton kann sowohl Design als auch Kunst sein. Viele deutsche Städte bieten ein wahres Sammelsurium an Graffitis, Paste Ups, Stickern und diversen anderen Kunstwerken an.

Graffitis, Paste Ups und Co. - Was ist das eigentlich?
Doch was sind eigentlich diese ganzen Kunstformen? Graffitis sagen inzwischen fast jedem etwas: Aber das sind nicht nur Namen, die jemand an eine Hauswand gesprayt hat, sondern auch kleine bis hauswand-große, meist politische Kunstwerke. Was früher tatsächlich als Name an der Wand, sogenannte Name-Tags, begann, ist inzwischen eine zum Teil anerkannte, wenn auch nicht unumstrittene, Kunstform. Seither haben sich zahlreiche und diverse Stile entwickelt - vom Comic-Stil bis hin zu extrem realistischen Bildern "aus der Dose". Die riesigen, gesprayten Kunstwerke, die dabei eine ganze Hauswand oder Mauer schmücken, werden Murals (nach dem englischen Wort für "Wandbild") genannt. Viele Street-Art-Künstler arbeiten außerdem mit Stencils, also mit Folien, die sie vorher ausschneiden. Der wohl berühmteste Vertreter dieser Methode ist Banksy, der mit seinen Graffitis weltweit Aufsehen erregt. Andere Möglichkeiten sind ganz normale Sticker oder auch Paste-Ups, bei denen der Künstler das Bild bereits vorher auf Papier sprayt und dieses später mit Kleister anbringt. Es existieren also viele Arten, um die Stadt bunter zu machen.

Kunst für alle - Ganz Berlin als Open-Air-Museum
Gerade Berlin ist bekannt für seine bunte und diverse Street-Art-Szene: Die Hochburg für Kreative offenbart den Interessierten besonders viel Buntes und Außergewöhnliches. Dabei ist der Stadtteil Kreuzberg eine riesige Galerie mit Kunst für alle: Viele Street-Art-Größen, wie beispielsweise Shepard Fairey (Obey), haben sich hier schon "verewigt". Auch viele Space Invaders bevölkern die Straßen und Hauswände. Die "Eindringlinge" stammen ursprünglich aus dem gleichnamigen Arcade Game. Das weltweite Projekt, in möglichst vielen Städten die kleinen Mosaikbilder als Kunstwerke an die Wände zu bringen, rief der Künstler Invader ins Leben.

Doch nicht nur Kreuzberg bietet dem Auge Ansprechendes, auch andere Bezirke warten mit kreativen und bunten Meisterwerken auf: Prenzlauer Berg, Wedding, Tegel, Treptow-Köpenick (Bärenquell Brauerei), Grunewald (Teufelsberg), die Galerie Eisfabrik, sowie das RAW-Gelände und die East Side Gallery bieten malerische Aussichten der etwas anderen Art und auf jeden Fall gute Fotomotive. Im Stadtteil Schöneberg lockt das "Urban Nation", ein Museum für Street Art, unter anderem mit einem Werk von Banksy. Obwohl darüber gestritten werden kann, ob Straßenkunst in geschlossene Räume gehört, lohnt sich der Abstecher in das Museum. Der Eintritt ist spendenbasiert.

Die Wiege der "Straßenkunst"
Berlin ist also auch der Ursprung der bunten Vielfalt in den Straßen? Nein, trotz der jetzigen, riesigen Szene dort trifft das nicht zu. Die Ehre gebührt tatsächlich München. In den 70er Jahren waren in der Hauptstadt Bayerns erste Name-Tags zu finden und ab Anfang der 80er erregten Comicfiguren an den Hauswänden Aufsehen. Auch der erste Wholetrain Europas - eine Aktion, bei der ein ganzer Zug besprayt wird - fand in der Münchner Station Geltendorf statt. Seitdem besuchten viele Größen der Street-Art-Szene die bayerische Landeshauptstadt, und hinterließen hochwertige Kunst zum Bestaunen. In München gibt es übrigens auch ein Museum für Street Art: Das MUCA ist sogar das erste deutsche Museum seiner Art!

Deutsche Großstädte - bunt statt grau
In vielen deutschen Großstädten ist der Beton inzwischen verziert und lockt immer mehr internationale Stars der Szene sowie lokale Künstler, wie in München oder Berlin, an. In Hamburg haben viele namhafte Sprayer und sogar eine internationale Künstler-Kooperation, das Team "Cartel del Arte", die Straßen mit ihren temporären Bildern rund um das Gängeviertel, die Sternschanze, Altona, St. Pauli oder Ottensen verschönert. Es geht aber auch andersherum: Der Hamburger Sprayer Marshal Arts ist inzwischen international tätig und anerkannt. So war er auch bei einer Ausstellung in der Metropole New York dabei. Für Nachwuchs in der Szene ist auch gesorgt: In der norddeutschen Stadt an der Elbe können Kinder Street Art sogar in einer eigens dafür gegründeten Schule in St. Pauli lernen. Auch in Köln gibt es Street Art zu bewundern: Vor allem im Stadtteil Ehrenfeld machten sich berühmte Künstler zu schaffen. Internationale und lokale Künstler und Künstlerinnen erschufen auch hier Sehenswürdigkeiten auf Beton. Wer sich an den dortigen Kunstwerken noch nicht satt gesehen hat, geht am besten ins Belgische Viertel, nach Nippes oder Mülheim.

Auf der Suche nach neuen (Beton-)Wänden
Street Art ist inzwischen ein Phänomen mit vielen Fans, so dass es sogar Webseiten gibt, die auf alte Gebäude mit viel freier Betonfläche hinweisen. Dadurch sollen (angehende) Künstler und Künstlerinnen motiviert werden, sich an diesen Orten auszuprobieren. Zusätzlich gibt es Initiativen wie in Hiltrup, die sogar neue Flächen konstruieren lassen möchten, damit die bunten Malereien bald auch ihre Stadt verschönern. Die lange verbotene Kunst ist mittlerweile anerkannt, so dass Künstler sogar mit ganzen Werken beauftragt werden. Es lohnt sich daher, zunächst ein ein paar Werke zu betrachten und sich erst dann eine Meinung zu bilden - beim nächsten Kurzurlaub in einer deutschen Großstadt.